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Wetzlar und seine Umgebung in Geschichte und Gegenwart
(Von H. Flender, Wetzlar)
Wer als
Fremder den Wetzlarer Bahnhof verläßt, der fühlt sich in das
lärmende Getriebe einer Industriestadt versetzt. Hochofenanlagen,
Fabrikhallen und Schornsteine der Wetzlarer Schwerindustrie
beherrschen sein Blickfeld. Erst wenn er sich durch die Bahnhofstraße
der still und gemächlich dahinfließenden, aber dann jählings
über breite Wehre sich stürzenden Lahn und ihren drei Straßenbrücken
nähert, gewahrt er jenseits des Flusses auf Höhen und Hängen
auch die Zeichen des anderen, des alten Wetzlars: den Dom
und um ihn geschart die schiefergedeckte Altstadt, die massive
Burgruine Kalsmunt auf bewaldetem Bergkegel, einsame Warten
und Reste der Stadtmauer. Sie künden von einer geschichtserfüllten
Vergangenheit, während die modernen Industrieanlagen Schaffenskraft
und Fleiß des heutigen Wetzlar versinnbildlichen. Dieses doppelte
Antlitz der Stadt wird umschlungen von einem lieblichen Kranz
fruchtbarer Ackerflächen und dunkler Waldungen, die die letzten
Ausläufer des Taunus und des Westerwaldes zieren.
Seiner
günstigen Lage am Schnittpunkt uralter Verkehrs- und Handelswege
die hier die Lahn unweit der Mündung ihres bedeutendsten Nebenflusses,
der Dill, in einer Furt überquerten, inmitten eines Gebietes
mit reichem Eisenerz-Vorkommen und guten Ackerbau-Bedingungen,
verdankt Wetzlar eine lange und bedeutungsvolle geschichtliche
Vergangenheit.
In uns
noch erhaltenen, schriftlichen Urkunden erscheint Wetzlars
Name zwar erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts;
aber da werden ihm bereits (1180) durch Kaiser Friedrich I.
Barbarossa reichsstädtische Rechte bestätigt. Es ist sicher,
daß diesem Ereignis Jahrhunderte eines langsamen Aufstieges
vermutlich aus einem fränkischen Militärstützpunkt über den
Marktort eines reichsunmittelbaren Stiftes zu einer Handwerker-
und Handelsstadt vorausgehen, die für uns aber in völligem
Dunkel liegen.
Als Reichsstadt
erlebte Wetzlar nun eine Blütezeit, die bis in die Mitte
des 14. Jahrhunderts hineinreichte. Stolzer Ausdruck dieser
Epoche ist die Kühnheit, mit der man eine romanische Pfeilerbasilika
umbauend - in den Formen des gotischen Baustil's dem Marienstift
als der eigentlichen Mutter der Stadt ein würdiges Gotteshaus
errichtet: den Wetzlarer Dom, gleichsam eine Bekrönung der
schiefergrauen Häusermasse. Die Stadt umwehrt sich mit einer
schützenden Ringmauer, die von trotzigen Türmen und stattlichen
Toren unterbrochen wird; neben Teilen der Mauer selbst ist
noch der runde Säuturm mit seinem kegelförmigen Schieferdach
erhalten.
Mehrere
Vorstädte entstehen rings um die Stadt, darunter zwei auf
der anderen Lahnseite: Neustadt und Langgasse. Durch die alte
steinerne Lahnbrücke mit ihren wuchtig geschwungenen Rundbogen
sind sie mit dem Stadtkern verbunden. Auf den Marktplätzen,
dem Buttermarkt an der Stiftskirche mit seinem Nebenmarkt,
dem Fischmarkt, auf dem Eisen- und Kornmarkt wie in den engen
Gassen herrscht ein emsiges Leben und Treiben. Am Stadtrand,
am heutigen Schillerplatz, errichten die Franziskaner ein
Kloster, andere geistliche Niederlassungen, darunter die des
Deutschen Ordens an der heutigen Lottestraße, bevorzugen die
Stadtmitte.
Eine halbe
Wegstunde vor der Stadt blüht am rechten Lahnufer das reichsunmittelbare
Nonnenkloster Altenberg vom Orden der Prämonstratenser auf.
Der Innenraum seiner Kirche mit dem Hochgrab der seligen Gertrud,
einer Tochter der heiligen Elisabeth, und kostbaren Wandmalereien
aus dem Hochmittellater ist erst jüngst wieder instandgesetzt
und einer Besichtigung wert geworden. Hingegen schwindet verhältnismäßig
rasch dank des mächtigen Emporstrebens der Stadt die Bedeutung
der staufischen Reichs-und Münzstätte Kaismunt; die Wetzlarer
benutzen sie schließlich als Steinbruch für eigene Bauten,
so daß heute nur noch der würfelförmige Bergfried mit seinen
nach gewölbten Buckelquadern versonnen auf die Stadt hinabblickt.
Mit dem
Sinken der kaiserlichen Macht und in den Wirren der endlosen
Fehden mit zwischen Herren der Nachbarschaft, vor allem durch
die wachsende Bedrohung Unsicherheit der Handelsstraßen, endet
auch die spätmittelalterliche Herrlichkeit für die Reichsstadt.
Draußen im Lande aber ragen noch heute mächtige Burganlagen,
Ruinen der Schlösser auf beherrschenden Höhen und zeugen von
diesen leidigen Kämpfen aller gegen alle, vom Ringen der emporstrebenden
Mächte Nassau, Hessen und Solms untereinander und gegen die
sich nach allen Richtungen zur Wehr setzende Reichsstadt:
der nahe, dillaufwärts gelegene Wohnturm der Ruine Hermannstein;
die Feste Greifenstein an der Hohen Straße unweit Edingen;
das märchenhafte Schloß Braunfels,die Burg Cleeberg im Süden
des Kreises; die Ruinen Gleiberg und Vetzberg lahnaufwärts
und das Schloß Hohensolms im Norden.
Wieder
kündet auch der Dom noch heute von dieser Entwicklung: seine
unvollendete Westfront zeigt, daß Niedergang und Not des städtischen
Gemeinwesens auch dem geplanten Bau ein allmähliches Ende
setzen. Nach starker Verschuldung und einem bermerkenswerten
Stadtbankrott am Ende des 14. Jahrhunderts folgen für Wetzlar
Zeiten armseliger, ja geradezu dörflicher Bedeutungslosigkeit,
bis am Ende des 17. Jahrhunderts die durch Kriegsereignisse
erzwungene Verlegung des Reichskammergerichts von Speyer
nach hier für die Stadt ein neues Aufblühen, vor allem in
wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht, zur Folge
hatte.

Bedeutsam
und denkwürdig aber wird dieser Zeitabschnitt eigentlich wohl
erst dadurch, daß im Sommer 1772 der junge Frankfurter
Rechtspraktikant Johann Wolfgang Goethe wenige Monate lang
zur Vervollständigung seiner juristischen Ausbildung in Wetzlar
weilte;Er wohnte hier in einem Hause am Kornmarkt. Neben einem
lustigen Freundeskreis, andessen Tafelrunde im Gasthaus zum
Kronprinzen am Buttermarkt der Dichter als" Götz der
Redliche" teil hatte, lernte er im Haus des Deutschordenamtmannes
Buff, dem heutigen Lottehaus, dessen bildhübsche Tochter Charlotte
kennen. Die aussichtslose Liebe zu der überaus anmutigen Wetzlarer
Bürgerstochter, die echte Freundschaft mit ihrem Verlobten
Kestner, Spazierfahrten und Wanderungen in die nähere Umgebung,
am romantischen Brunnen vor dem Stadttore, dem jetzigen Goethebrunnen,
vorbei über den Lahnberg in das liebliche Garbenheim oder
am Stoppelberg vorbei nach Volpertshausen zum Ball im dortigen
Jägerhaus - solche Erlebnisse begeisterten den jungen Dichter
weit mehr als das pedantische Gehabe am hohen Gericht und
in seiner vornehm-steifen Gesellschaft. Ja, diese Wetzlarer
Begebenheiten und Empfindungen wurden bald nach jähem Aufbruch
aus der Stadt und nach Erhalt der Nachricht vom Freitod des
unglücklichen Wetzlarer Freundes Jerusalem, dem Vorbilde des
Werther, in den "Leiden des jungen Werther" zu einer
Dichtung gestaltet, die Wetzlars Namen Eingang in die Weltliteratur
verschaffte. Die Stadt hält die Erinnerung an den Aufenthalt
Goethes in den Einrichtungen und Sammlungen des Lottehauses
und des Jerusalemhauses (am Schillerplatz) wach.
Mit dem
Zusammenbruch des ersten Deutschen Reiches war dann aber auch
das Ende des Reichskammergerichtes gekommen, und Wetzlar verlor
zudem seinen Charakter als Reichsstadt (1803). Nach kurzer
Zugehörigkeit zum Staatswesen Dalbergs erfolgte 1815 die Einverleibung
in den Staat Preußen. Die Wurzeln der heutigen Bedeutung Wetzlars
reichte in die Mitte des vorherigen Jahrhunderts zurück,
als verschiedene Industriezweige sich hier anzusiedeln begannen.
1849 ist
das Gründungsjahr der Wetzlarer Optischen Industrie, die vor
allem durch die Erzeugnisse der am Fuße des Kalsmunt gelegenen
Leitz-Werke Weltruf errang. Viele kleinere optische Betriebe
sind an verschiedenen Stellen der Stadt anzutreffen. Die Eisenindustrie
wird in erster Linie durch die weitausgedehnten Anlagen der
Buderus'schen Eisenwerke und der Hessischen Berg- und Hüttenwerke
AG vertreten. Tausende von Menschen strömen täglich aus dem
ganzen Kreisgebiet in Wetzlar zusammen, um in seinen Industriewerken
zu arbeiten, während ringsum ein fleißiges Bauernvolk das tägliche
Brot schafft. Mehrere Bahnlinien und viele Omnibusverbindungen
bewältigen diesen überaus starken Berufsverkehr.
Der letzte
Weltkrieg schlug der Stadt durch Luftangriffe empfindliche
Wunden, die schmerzlichsten am einst so formschönen Ostteil
des Domes, in der feingegliederten südlichen Häuserfront des
Buttermarktes und in der Gegend des Lottehauses. Der aufwärtsstrebende
Lebenswille der heute 37 000 Einwohner zählenden Stadt hat
indessen schon viele andere der ärgsten Schäden beseitigt.
So grüßen
altes und neues Wetzlar den Fremden, der nach seinen eigenen
Neigungen ermessen mag, ob er den Ereignissen und Denkmälern
der Vergangenheit oder denen der Gegenwart seine Aufmerksamkeit
schenken soll. Wetzlar und Umgebung bieten ihm beides in einladender
und reicher Fülle.
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